{"id":1576,"date":"2020-03-13T15:03:32","date_gmt":"2020-03-13T14:03:32","guid":{"rendered":"https:\/\/mitbestimmung-citybahn.de\/mitbestimmung\/?p=1576"},"modified":"2020-09-11T12:54:35","modified_gmt":"2020-09-11T10:54:35","slug":"01_replik-an-die-geschaetzten-kollegen-von-der-pro-fraktion-zum-thema-mobilitaetsleitbild","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mitbestimmung-citybahn.de\/mitbestimmung\/?p=1576","title":{"rendered":"13.3.2020 &#8211; Replik an die gesch\u00e4tzten Kollegen von der Pro-Fraktion zum Thema Mobilit\u00e4tsleitbild"},"content":{"rendered":"<p><strong>(13.3.2020) Replik an die gesch\u00e4tzten Kollegen von der Pro-Fraktion zum Thema Mobilit\u00e4tsleitbild:<\/strong><\/p>\n<p>Ich hatte mich schon gefragt, wie wohl die Reaktion auf meinen Vortrag beim letzten MLB-Symposium am 29.1.20 aussehen w\u00fcrde. Hat ein bi\u00dfchen gedauert, bis die Pro-Citybahn-Aktivisten ihre Sprache gefunden haben. Das Ergebnis ist allerdings gewohnt entt\u00e4uschend-vorhersagbar. Ich w\u00fcrde sagen, eine Mischung aus nicht verstanden und nicht verstehen wollen.<\/p>\n<p>Interessant ist auch, da\u00df die Kollegen von der Pro-Fraktion zwar \u2013 wie alle Teilnehmer dieser Veranstaltungsserie &#8211; eine enorme Leidensf\u00e4higkeit zeigen, wenn sie sich stundenlang mit teilweise durchaus d\u00fcnnen Inhalten frontal beschallen lassen. Kaum h\u00f6ren sie f\u00fcr gerade mal 6 Minuten 40 Sekunden- da war der Moderator wirklich sehr streng, komisch \u2013 Positionen, die nicht in ihre sch\u00f6ne kleine Welt passen, bekommen sie Schnappatmung. Zumal einige Pro-Aktivisten eine solche Zeit locker mit einer einzigen Diskussions-Wortmeldung schaffen.<\/p>\n<p>Wobei ich denke, da\u00df viele Teilnehmer sich diese stundenlange Frontalberieselung eben nicht mehr antun. Ein kleiner Hinweis darauf war, da\u00df zirka die H\u00e4lfte der St\u00fchle im Raum gar nicht besetzt war.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst mal, ich verdiene mein Geld durchaus nicht mit dem Autonomen Fahren. Selbst wenn \u2013 ich denke gerade an die deutlich l\u00e4ngere Pr\u00e4sentation von Frau Weiser unter der \u00dcberschrift \u201eBest Practice\u201c, in der sie ausf\u00fchrlich ihr Startup-Gesch\u00e4ftsmodell vorstellen durfte (etwas boshaft ausgedr\u00fcckt w\u00fcrde ich die Idee \u201ewir simulieren nachbarschaftliches Dorfleben mit einer App\u201c nennen).<\/p>\n<p>Auch den Vortrag von Herrn Prof. Kampker zum Thema Elektromobilit\u00e4t w\u00fcrde ich durchaus zumindest teilweise in die Kategorie Eigen-PR einsortieren.<\/p>\n<p>Um nur zwei Beispiele zu nennen; es ist mir nicht wirklich ein Anliegen, hier irgendwelches Fingerpointing zu betreiben.<\/p>\n<p>Die Pro-CB-Kollegen behaupten, der Vortrag h\u00e4tte keine positiven Beitr\u00e4ge geliefert. Es mag sein, da\u00df sie in ihrer Filterblase wirklich nicht dazu f\u00e4hig sind, diese zu erkennen. Oder sie wollen nicht. Auch das ist mir letztendlich egal.<\/p>\n<p>A propos: ich h\u00e4tte ja gerne hier einen Link auf meine Pr\u00e4sentation eingef\u00fcgt. Die Downloads der Pr\u00e4sentationen sind ja ein wenig versteckt (liebe RCC, wenigstens eine Webseite mit halbwegs guter Usability h\u00e4tte ich euch ja zugetraut, mehr als eine Vier minus bekommt ihr von mir nicht), meine ist leider nicht dabei, sicher nur ein dummes Versehen.<\/p>\n<p>Dennoch, f\u00fcr diejenigen, die ideologisch noch nicht ganz so fixiert sind: derzeit halte ich zwei Dinge f\u00fcr wichtig.<\/p>\n<p>Erstens: solange man nicht erkennt, was die wahren Gr\u00fcnde sind, warum heute viele Menschen den MIV vorziehen, wird man es nicht schaffen, den \u00d6PNV wirklich spielentscheidend zu verbessern. Das Publikum zu beschimpfen (\u201ezu doof die vielen Vorteile zu erkennen\u201c) ist da kein Ersatz.<\/p>\n<p>Bei \u201eSpiel\u201c m\u00f6ge man wirklich an ein Mannschaftsspiel denken. Es gibt nun mal ein paar Dinge, die der MIV einfach besser kann. Eine Ballabgabe im richtigen Moment, das hei\u00dft, Teamdenken beim Zusammenspiel von \u00d6PNV und MIV, ist da sinnvoller als das sture Festhalten an \u201eich kanns alleine\u201c \u2013 so schie\u00dft man keine Tore.<\/p>\n<p>Und auch der Versuch, die Schw\u00e4chen des \u00d6PNV zu kaschieren, indem man dem MIV k\u00fcnstliche Steine in den Weg legt, wird dauerhaft nicht funktionieren, weil es letztendlich auf aggressives Handeln gegen\u00fcber einer Mehrheit der Bev\u00f6lkerung hinauslaufen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Womit wir zum zweiten Punkt kommen. Ich w\u00fcrde gerne mal wissen, woher das Bild kommt, da\u00df autonomes Fahren \u201eMIV\u201c ist. Ich sehe das gerade andersherum \u2013 autonomes Fahren hat das Potential, einen besseren \u00d6PNV zu schaffen.<\/p>\n<p>Schon interessant, da\u00df Herr Kraft gerade eine Fahrt zum Flughafen als Beispiel w\u00e4hlt. Ich biete Ihnen ein in jeder Hinsicht besseres Beispiel an. Nehmen wir an, es g\u00e4be den Robotaxi-Service, der mich und mein Gep\u00e4ck von meiner Wohnung in einem Vorort oder im L\u00e4ndlichen, umsteigefrei zum n\u00e4chsten ICE-Bahnhof bringt.<\/p>\n<p>Warum sollte dieses Robotaxi dann wieder zum Ausgangspunkt zur\u00fcckfahren? Vielleicht f\u00e4hrt es nochmal zur Tankstelle (vielleicht Elektro, vielleicht Wasserstoff oder E-Fuels, ist letztendlich nicht so wichtig). Und dann f\u00e4hrt es f\u00fcr jemanden, der an diesem ICE-Bahnhof angekommen ist.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens, f\u00fcr Leute mit genug Geld gibt es diese M\u00f6glichkeit nat\u00fcrlich heute schon. Wer weniger Geld hat, mu\u00df heute selbst fahren (was ich pers\u00f6nlich f\u00fcr eine Verschwendung kostbarer Lebenszeit halte), sein ganzes Leben nach Fahrpl\u00e4nen richten (auch nicht besser) oder in ein Ballungsgebiet ziehen (und dort viel Geld f\u00fcr Miete oder Kauf ausgeben, erst recht nicht sinnvoll).<\/p>\n<p>Niemand wei\u00df im Moment, wann diese Vision eines \u00d6PNV 2.0 Realit\u00e4t wird. Es kann locker noch 10, 15 Jahre dauern.\u00a0 Begonnen hat die Zukunft allerdings schon. Nur leider anderswo. Ein Beispiel: Singapur \u2013 5,7 Millionen Einwohner, so viel wie die Metropolregion Rhein-Main \u2013 hat beispielsweise eine Strategie (im Gegensatz zum Rhein-Main-Gebiet, wo\u00a0 nur ein paar Mini-Testfelder existieren). Die Fahrzeuge m\u00fcssen sich daf\u00fcr qualifizieren. Das beginnt in einem Testareal mit typischen Verkehrssituationen, dann geht es mit Realsituationen mit steigendem Schwierigkeitsgrad weiter; die h\u00f6chste Stufe, die bisher noch von keinem Fahrzeug erreicht wurde, ist ganz Westsingapur, die H\u00e4lfte des Stadtgebiets.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft nicht, da\u00df es nicht auch in Deutschland St\u00e4dte gibt, die zumindest ein klein wenig fortschrittlicher sind als, sagen wir, Wiesbaden oder das Rhein-Main-Gebiet.<\/p>\n<p>Ich schreibe diesen Text w\u00e4hrend einer ICE-Fahrt von Hamburg nach Frankfurt. Dort gibt es in einigen Stadtteilen schon seit einiger Zeit einen von der DB betriebenen Shuttle-Service (Ioki) mit Zubringerfunktion zur lokalen S-Bahn. Und im Sommer 2019 hat ein <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/regionales\/hamburg\/article196252891\/Gericht-VW-Shuttleservice-Moia-darf-Flotte-in-Hamburg-doch-erweitern.html\">Oberverwaltungsgericht ein Limit gekippt<\/a>, das den von VW betriebenen Dienst Moia (On-Demand-Fahrten mit Elektro-Kleinbussen) auf 200 Fahrzeuge \u2013 anstelle der beantragten 1000, f\u00fcr die es auch Unterst\u00fctzung des Hamburger Senats gab &#8211; limitiert h\u00e4tte. <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/nachrichten\/hamburg\/Fahrdienst-Moia-legt-in-Hamburg-weiter-zu,moia162.html\">Der Ausbau auf 500 Fahrzeuge und eine Erweiterung der versorgten Fl\u00e4che von 200 auf 300 km\u00b2 ist schon geplant<\/a>. Der limitierende Faktor sei nicht die Nachfrage \u2013 die laut Betreiber teils deutlich \u00fcber dem Angebot liegt &#8211; sondern die Schwierigkeit, gen\u00fcgend Fahrer zu finden.<\/p>\n<p>Ob die DB oder VW damit Geld verdienen, ist nicht der entscheidende Punkt \u2013 vermutlich lassen es die derzeitigen Personalkosten nicht zu. Nat\u00fcrlich lie\u00dfe sich genug Personal finden, wenn man h\u00f6here Geh\u00e4lter zahlt. Die Personalkosten sind aber jetzt schon die Kostentreiber f\u00fcr den \u00d6PNV au\u00dferhalb der Ballungsgebiete. Und sicherlich einer der wesentlichen Gr\u00fcnde f\u00fcr das schlechte \u00d6PNV-Angebot in Vororten und erst recht auf dem Land.<\/p>\n<p>Entscheidend ist: Die Betreiber k\u00f6nnen jetzt schon f\u00fcr das autonome Fahren \u00fcben, also die Leistung und vor allem die \u201eUsability\u201c, die Nutzungsqualit\u00e4t, ihrer Systeme optimieren.<\/p>\n<p>Bei einer solchen Entwicklung wird es auch Verlierer geben, etwa kommunale oder regionale Verkehrsmonopolisten. Ob dies das Motiv von ESWE ist, sich so stark bei der Citybahn zu engagieren, wei\u00df ich nicht; vielleicht sind es auch nur einige Akteure, die dort noch in den Konzepten von gestern denken. Bei der letzten MLB-Veranstaltung habe ich, beim Vortrag von Herrn Gerhardt eine Menge guter, zukunftsweisender Punkte geh\u00f6rt (auch wenn einige dieser Konzepte anderswo schon l\u00e4nger Realit\u00e4t sind; besser sp\u00e4t als nie).<\/p>\n<p>Mit den kalten Augen wirtschaftlicher Logik w\u00e4re es nachvollziehbar, wenn Noch-Monopolisten noch schnell versuchen w\u00fcrden, Fakten zu schaffen, die ihre Monopole noch eine Weile sichern. Nur ist so etwas nicht im Interesse der B\u00fcrger.<\/p>\n<p>Als damals das iPhone die Smartphone-\u00c4ra eingel\u00e4utet hat, h\u00e4tte Nokia, kalt erwischt, blind und selbstzufrieden durch den eigenen Erfolg, das sicher auch gern verhindert. Wie das ausgegangen ist, wissen wir. \u00dcbrigens ganz ohne \u201eFeaturephone-Verbot\u201c oder Kaufpr\u00e4mien f\u00fcr Smartphones.<\/p>\n<p>Und wir wissen auch, da\u00df Smartphones eine ganze Menge anderer n\u00fctzlicher Entwicklungen erst m\u00f6glich gemacht haben. Zum Beispiel auch \u201econnected mobility\u201c, also die nahtlose Vernetzung von Verkehrssystemen, bei der Reisende im Idealfall von Haust\u00fcr zu Haust\u00fcr geleitet werden.<\/p>\n<p>\u00d6PNV 2.0 mit autonomen Fahrzeugen verh\u00e4lt sich zum heutigen \u00d6PNV &#8211; wohlgemerkt, das ist nicht die Schuld der Betreiber, sondern liegt einfach an den Grenzen ihrer heutigen Mittel &#8211; wie ein aktuelles Smartphone zu einem Billig-Einfachhandy. Die M\u00f6glichkeit zum Reisen von Haust\u00fcr zu Haust\u00fcr zu bezahlbaren Kosten und mit mehr Reisekomfort als in heutigen Nahverkehrs-Massentransportmitteln ist da nur die Basis.<\/p>\n<p>Es kann viel mehr daraus entstehen \u2013 etwa eine L\u00f6sung des heutigen Problems explodierender Mieten und Platzknappheit in Ballungsr\u00e4umen. Das ist bekanntlich nicht die Folge hoher Geburtenraten, sondern liegt einfach daran, da\u00df in den Vororten und erst recht im L\u00e4ndlichen guter \u00d6PNV kaum bezahlbar ist.<\/p>\n<p>Genau das wird sich mit \u00d6PNV 2.0 \u00e4ndern. Warum dann noch in eine enge Stadt ziehen? Ein verbleibender Grund w\u00e4re: weil dort die Jobs sind. Aber auch das wird sich \u00e4ndern. Mehr Wohnbev\u00f6lkerung in l\u00e4ndlichen R\u00e4umen bedeutet: mehr Nachfrage nach Handel, Handwerk, Dienstleistungen und so weiter. Bessere Mobilit\u00e4t im L\u00e4ndlichen bedeutet auch: Arbeitgeber m\u00fcssen nicht mehr unbedingt in die Zentren; heute tun sie das, weil sie dort f\u00fcr viele potentielle Mitarbeiter gut erreichbar sind. In dem Moment, wo dies auch an anderen Standorten geht, gibt es keinen Grund mehr, hohe Grundst\u00fcckspreise und andere Kosten in Kauf zu nehmen.<\/p>\n<p>Was mich, abschlie\u00dfend, wieder zum Wiesbadener Mobilit\u00e4tsleitbild bringt. Wie anfangs gesagt \u2013 letztlich ist es egal, ob die Pro-CB-Aktivisten die Potentiale nicht sehen k\u00f6nnen oder nicht sehen wollen: In einer Umbruch- und Chancensituation auf gro\u00dfe, unflexible Systeme zu setzen, deren Zeit schon bald abgelaufen ist, w\u00e4re mehr als t\u00f6richt.<\/p>\n<p>Was wir heute brauchen, sind agile, flexible L\u00f6sungen. Das Wiesbadener Bussystem ist noch lange nicht am Limit, es hat dort, wo es darauf ankommt, noch ausreichend Ausbaupotential \u2013 durch gezielte Optimierung, Tangential- und Umgehungsl\u00f6sungen. Die Ressourcen, dies umzusetzen, sind vorhanden \u2013 es gibt keinen Grund, weshalb Wiesbadener B\u00fcrger in ihrer Freizeit die Arbeit erledigen m\u00fc\u00dften.<\/p>\n<p>Aber die Citybahn-Akteure stecken lieber Millionen von Euro in Propaganda. Wenn das Produkt, das sie uns verkaufen wollen, wirklich so gut w\u00e4re wie sie uns glauben machen wollen, br\u00e4uchte es nicht solche verzweifelten Werbeanstrengungen.<\/p>\n<p>Und erst recht gibt es keinen Grund, die Stadt durch jahrelanges Bauen ins Chaos zu st\u00fcrzen, unkalkulierbare Kostenrisiken einzugehen \u2013 niemand wei\u00df genau, welche \u201e\u00dcberraschungen\u201c entlang der Strecke noch im Boden warten, wo bestehende Versorgungsleitungen und andere Infrastruktur verlegt werden m\u00fc\u00dften.<\/p>\n<p>Um dann, wenn es quasi kein Zur\u00fcck mehr gibt, festzustellen, da\u00df die Citybahn, indem sie den sowieso schon knappen Verkehrsraum noch weiter reduziert, genau den Verkehrskollaps erzeugt hat, den sie angeblich verhindern soll.<\/p>\n<p>Sobald die Verantwortlichen damit beginnen, ihre Energie und ihre Budgets wirklich zukunftsorientiert einzusetzen, statt weiter dem Traum von einem unflexiblen System von gestern nachzuh\u00e4ngen, kann Wiesbadens Reise in die Zukunft beginnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(13.3.2020) Replik an die gesch\u00e4tzten Kollegen von der Pro-Fraktion zum Thema Mobilit\u00e4tsleitbild: Ich hatte mich schon gefragt, wie wohl die Reaktion auf meinen Vortrag beim letzten MLB-Symposium am 29.1.20 aussehen w\u00fcrde. 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